© Ulrike Cohrs

St. Johanniskirche Soltau (ev.-luth.)

Predigten

Predigt 19. Juli 2020, 6. Sonntag nach Trinitatis

Predigt Sonntag 21. Juni 2020

Predigt am 21. Juni 2020 zu Matthäus 11,28-30 in St. Johannis Soltau – Pastor Claus Conrad

Luther-Übersetzung: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

Zürcher-Übersetzung: „Kommt her zu mir, all ihr Geplagten und Beladenen: Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanft und demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.“

Basis-Bibel:“Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Bei mir werdet ihr Ruhe finden. Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe. Lernt von mir: Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Dann wird eure Seele Ruhe finden. Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.“

Neue Genfer Übersetzung:“ Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn das Joch, das ich auferlege, drückt nicht, und die Last, die ich zu tragen gebe, ist leicht.“

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
Drei Imperative durchziehen diese wenigen Verse: KOMMT – NEHMT – LERNT.
Auch wenn wir uns eigentlich schwer tun mit Imperativen – wer erhält schon gerne Aufträge - so scheint es hier für uns annehmbar, ja geradezu positiv zu sein.
Der Gedanke, von einer Last befreit zu werden, ist eine gute Vorstellung. Belastendes und Anstrengendes kennen wir zur Genüge, sowohl im Beruf als auch zuhause. Und jetzt- in Corona-Zeiten- einmal mehr.
In einer Dokumentation, die ich kürzlich im Fernsehen sah, wurden Menschen vorgestellt, die ihre Erfahrungen mit dem Lockdown beschrieben. Und eine Mutter, die für ihre Firma im Home-Office arbeitete, erzählte wie ihr Alltag aussieht. Wie sie sich anstrengt, alles zu schaffen und in allem gut zu sein. Gute Leistungen im Beruf mit vielen Video-Konferenzen, den Haushalt managen mit Kochen, Putzen und Wäsche machen, und dann noch die Betreuung der 3 Kinder, die im „Home-Learning“ sind. Und ihr Mann, der systemrelevant als LKW-Fahrer jeden Tag unterwegs ist und Waren ausliefert, selten zuhause ist.
Plötzlich sagte sie nur noch: „Es zerreißt mich- ich kann nicht mehr.“ Und fängt vor der Kamera an hemmungslos zu weinen.
Mühselig, Beladen, -oder mit anderer Übersetzung –die, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet- ihr alle könnt dieser Einladung von Christus vertrauen. Ja, ihr könnt kommen.
Das Kommen- es zieht sich wie ein roter Faden durch unseren Gottesdienst. Wer hier nun einmal auf den gedruckten Gottesdienst-Begleiter schaut, entdeckt die Einladung zum Kommen im Wochenspruch sowie in den Liedern. So heißt es da: „Kommt mit Gaben und Lobgesang." An anderer Stelle: "Komm, sag es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein; Gott selber lädt uns ein.“
Kommen ist aktives Handeln. Es ist völlig anders, als passiv zu bleiben und über sein Leid still zu klagen. Kommen ist Losgehen und Kommen ist Folge einer Entscheidung.
So, wie ihr euch heute Morgen entschieden habt: Ich will wieder zum Gottesdienst. In meine Kirche, zu meiner Gemeinde- und Nahrung finden für meine Seele und meine Glauben- und ich will mich segnen lassen für meinen anstrengenden oder schwierigen Alltag. Und vielleicht werde ich spüren: Einen Teil meiner Last hat mir Jesus (ab-)genommen (NGÜ).
Vielleicht werde ich auch spüren: Ich kann etwas ruhiger mit dieser Herausforderung und Belastung umgehen, wenn ich weiß, dass Gott auf mein Leben schaut und mich in meinem Leben begleitet (Basis-Bibel).

Und dann der zweite Imperativ: Nehmt! „Nimm nichts von Fremden“ wird uns früh antrainiert- und mir scheint, wir haben manchmal in der Scheu etwas anzunehmen, in unserer frühen Sozialisation quasi unwissentlich eine Grund-Immunisierung erhalten, die uns ein ganzes Leben verfolgt.
Hand aufs Herz. Wann haben Sie es zuletzt versucht, an Fremde etwas zu geben? Vielleicht eine Einladungskarte in der Fußgängerzone? Hätten Sie Lust, zur Marktzeit die neue GLOCKE unter die Leute zu bringen? „Nehmt, Nehmt, Nehmt doch endlich!“ – würden wir vielleicht den Menschen zurufen, die sich demonstrativ oder irritiert abwenden und kommentarlos weitergehen werden.
Nein, ich beneide keine Partei-Mitglieder und gewählte Kommunalpolitiker, die sich mit Kugelschreibern und weiteren Wahlgeschenken ausstatten, um dann zu versuchen, mit Menschen über die kommende Wahl und über politische Inhalte ins Gespräch zu kommen. Ich beneide sie gewisslich nicht.
Als Sie in die Kirche kamen, sagte jemand zu Ihnen: „Nehmt bitte ein Bild mit auf die Bank.“ Nun also auch Jesus der sagt: „Nehmt auf euch mein Joch.“ Joch ist ein sperriges und für unsere Ohren eher unvertrautes Wort. Es meint Verpflichtung oder Last. Übertragen auf das Leben Jesu haben wir sofort die Passion Jesu mit der Selbstgeißelung vor Augen, die Pilger in Scharen und mit Schmerzen ein viel zu großes Holzkreuz durch die Via Dolorosa tragen lässt. Eremiten, die auf Steinsäulen sich von der Welt zurückgezogen haben, um ihr Leben ganz in die Nachfolge Gottes stellen zu können. Mönche, die über Jahrhunderte in ihren Gebeten mea culpa – meine Schuld bekannten und z. B. in dem Verzicht auf Speisen oder Reden, in Exerzitien und Kasteiungen auch eine aktive Form der Christusnachfolge sahen.
Opfertheologie und Sühne zur Freiheit des Christen in gestalteter Nachfolge- manche Christen schreckt das heute eher von einer christlichen Nachfolge und von christlicher Gemeinschaft ab.
Was aber, wenn es gar nicht um die Verpflichtung oder Passion Jesu geht, sondern eher um die Aufgabe, in der man sich zu bewähren hat?
So heißt es in der einen Übersetzung zu unserem Predigttext: „Nehmt das Joch auf euch, das ich euch gebe.“(Basis-Bibel).
Also, lauft nicht weg vor einer schwierigen Situation. Stellt euch dieser Prüfung und werdet darin stärker als zuvor.
„Denn mein Joch ist leicht. Und was ich euch zu tragen gebe, ist keine Last.“ Jesus also als ein Mental-Coach gegen Resignation und Selbstzweifel? Vielleicht eher wie ein engagierter Trainer. Einer, der um meine Schwächen weiß, der mich aber nicht aufgibt, wenn ich sage: „ Ich kann nicht mehr. Ich gebe auf. Nichts macht mehr Sinn, was ich tue. Mein Leben versinkt in der Bedeutungslosigkeit.“
Und: das Leben kann sich von einem auf den anderen Moment verändern, wenn du deinem Trainer traust. Wenn du bereit bist zu hören, was er dir sagen will:
„Lernt von mir. Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab. Dann- ja dann- wird eure Seele Ruhe finden.“ (Basis-Bibel). 

Nicht nur Kommen und Nehmen, auch Lernen heißt Veränderung. Eine Lehrerin, ein Lehrer würde nicht einen Tag zur Schule gehen, wenn sie oder ihn nicht die feste Überzeugung antreiben würde, dass ihr oder sein Unterricht mit dazu beiträgt, dass Schüler sowohl das Leben und die Welt an sich, und zugleich das eigene Leben besser verstehen lernen. 
So sind und bleiben auch wir Christen Lernende:
Wenn wir es nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt entdeckt hätten, was uns als Christen ausmacht und auch antreibt, wo unser Glaube eine Heimat hat, wo Liebe ein Gegenüber kennt und wo Hoffnung sich immer wieder Bahn bricht – wir wären nicht wir. Und wir wären auch nicht hier.
Wir sind heute Morgen hier, weil wir gern mit unserer Sehnsucht zu Gott kommen, weil wir in Christus nehmen, was er uns zu unserem Leben schenkt, und weil wir lernen, das Leben in der Nachfolge immer wieder neu zu gestalten und zu wagen.
Und wir erleben zusammen diesen Tag, an dem wir uns um diesen Altar stellen, um uns mit Brot und Wein wieder neu für unseren Lebensweg, den Weg durch die Zeit, stärken und begleiten zu lassen.
Denn: "Zu jedem will er kommen, der Herr in Brot und Wein. Und wer ihn aufgenommen, wird selber Bote sein." (EG 225, Strophe 3).

Amen

Predigt Rogate 17. Mai 2020